1. Platz in den Jahrgangsstufen Q1 & Q2
Olga Lubuschkin
Cusanus Gymnasium Erkelenz

Information
Wer hat euch erzählt,
Demokratie sei unsterblich?
Sie stirbt.
Nicht plötzlich.
Stück für Stück.
Klick für Klick.
Blick für Blick.
Bis vom Wir nur noch ein Ich übrig bleibt.
Sie braucht keine Bomben.
Keine Front.
Keinen Schuss.
Sie braucht nur
genug Zweifel,
bis niemand mehr weiß, was Wahrheit überhaupt noch sei.
Denn heute
stirbt Wahrheit nicht an der Lüge.
Sie stirbt
an ihrer Kopie.
An tausend Versionen.
Millionen Visionen.
Perfekt inszenierten Illusionen.
Und jede klingt plausibel.
Jede klingt schlau.
Jede sagt:
„Glaub nur mir.“
Und irgendwann
glaubst du
gar nichts mehr.
Das ist der Plan.
Denn wer nichts mehr glaubt,
glaubt am Ende
dem Lautesten.
Nicht dem Klügsten.
Nicht dem Ehrlichsten.
Dem Lautesten.
Wir wollten Information.
Wir bekamen
eine Explosion.
Zu viele Bilder.
Zu viele Kriege.
Zu viele Sieger.
Zu viele Lügen.
Zu viele Münder.
Zu wenig Gehirne,
die noch filtern können im Leben.
Der Kopf?
Kein Kompass mehr.
Nur noch ein Schlachtfeld.
Jeder Gedanke
unter Beschuss.
Jeder Fakt
ein Verdacht.
Jede Wahrheit
über Nacht
zur nächsten Schlagzeile gemacht.
Und dann kommt KI.
Nicht mit Metall.
Nicht mit Waffen.
Nicht mit Gewalt.
Mit Syntax.
Mit Wörtern.
Mit Wahrscheinlichkeit.
Sie schreibt Gedichte.
Urteile.
Und Reden.
Sie fälscht Gesichter.
Gebete.
Und Geschichte.
Bis selbst Erinnerungen
eine Quellenangabe brauchen.
Bis Mütter ihren Kindern erklären:
„Nein…das Video
ist vielleicht nie passiert.“
Versteht ihr?
Wir verlieren nicht nur Fakten.
Wir verlieren Vertrauen.
Und Vertrauen
ist das Rückgrat
jeder Demokratie.
Brecht das Rückgrat,
und selbst der stärkste Körper
kriecht.
Recht
für Recht.
Satz
für Satz.
Wahl
für Wahl.
Bis Freiheit
nicht mehr stirbt.
Sondern verschwindet.
Leise.
Wie Sauerstoff.
Man merkt erst,
dass er fehlt,
wenn man keine Luft mehr bekommt.
Und ihr sagt:
„So schlimm wird’s schon nicht.“
Geschichte
hasst diesen Satz.
Sie hat ihn
zu oft gehört.
Kurz bevor
Bücher schwiegen.
Zeitungen logen.
Nachbarn schwiegen.
Und Namen
zu Zahlen wurden.
Denn Diktaturen
brechen keine Türen auf.
Sie warten,
bis wir sie
selbst entriegeln.
Mit Bequemlichkeit.
Mit Gleichgültigkeit.
Mit dem Luxus,
zu glauben,
jemand anderes
würde Demokratie schon erhalten.
Aber Demokratie
ist kein Denkmal.
Sie ist Herzmuskel.
Hörst du auf,
sie zu bewegen,
stirbt sie.
Nicht mit einem Knall.
Mit einem
letzten Herzschlag,
den niemand hört,
weil alle
noch scrollen.
Und niemand
den Moment bemerkt hat,
in dem aus einem
freien Land
Nur noch Erinnerung blieben.
