Anna Oswald

1. Platz in der Jahrgangsstufe 10

Anna Oswald
Goethe-Gymnasium Stolberg

Schweinchen (in der Mitte)

Als ich zehn war, ging ich mit einem Freund Eis essen.
Die Ironie ist hier nicht vergessen.
Auf einmal gesteht er, dass er kein Eis mag,
aber, dass es ihm mit mir tatsächlich schmeckt.
Das Kompliment hat mich damals erschreckt.

Im Jahr darauf sprach mich auf dem Schulhof ein Junge an, indem er sagte:
„Du kannst froh sein, dass du zu hässlich bist, als das irgendein Mann je würde heiraten wollen. Du bist so fett, niemand könnte dich als seine Braut hochheben.
Wäre das nicht Die größte Schande in deinem Leben?“
Ich sagte, sollte das je geschehen, würde ich meinen Bräutigam heben.

Ich bin das Schweinchen in der Mitte
zwischen Hass und Liebe.
Lass uns eine Münze werfen
und sehen, wie ich mich heute fühle.

An richtig guten Tagen kann ich alles tragen.
Ich habe schöne Augen und eine schöne Nase, dazu noch lange Haare.
An richtig guten Tagen sehe ich gerne in den Spiegel.
An richtig guten Tagen bin ich pure Liebe.

An richtig schlechten Tagen bin ich kein Schweinchen.
Ich bin eine fette, rosa Sau, mein Fleisch weich und nass vom Morgentau,
Ich sehe es, der Spiegel stimmt stumm zu,
an richtig schlechten Tagen sind Spiegel ein Tabu.

Eine Zeit lang war jeder Tag ein richtig schlechter, der Spiegel stimmte zu.
Jeden Tag und jeden Tag, der Spiegel stimmte zu.
Ich wollte das nicht länger sein,
dann doch lieber schwach und klein.
Heulen, hungern, heulen, hungern.
Immer wieder im Kreis herum.
Es ging bloß um Schönheit.
Sieh mich an.
Nein, sieh weg.
Es ging nie bloß um Schönheit, es ging um den Beweis,
dass mein Körper ein Verbrechen ist, wie anscheinend jeder weiß.

Was ist ein Mädchen wert das man nicht gern ansieht?
Ist sie bloß eine Sau, auf die man schießt?

Ich hasse mich nicht mehr.
Streich das, ich habe mich nie gehasst.
Streich das, habe ich mich gehasst?
Streich das, ich weiß es nicht mehr.

Ich werfe weiter Münzen.
Hässliche Sau, du dreckiges Wesen, du bist eine Sünde,
geboren aus einer anderen.
Was ist Gott neben mir?
Hast du mich mal gesehen?
Sieh mich an.
Nein, sieh weg.
Kannst du nicht tun, was ich sage?
Der Spiegel stimmt zu, alle Tage, alle Tage.
Jeden Tag und jeden Tag, nur Sau, Sau, Sau.
Die Sau würde bestimmt Sau fressen,
würdest du es ihr geben wie gewöhnliches Essen.
Ich bin die Sau, friss mich doch!
Friss mich, friss mich, friss mich, friss mich,
wenn du es nicht tust, dann fresse ich dich.

Macht mich das jetzt liebenswert?
Liebst du mich schon?
Ich wehre mich nicht gegen deinen Hohn.
Soll ich mich vielleicht noch im Schlamm rollen?
Aber Aufmerksamkeit – das darf ich nicht wollen.
Und? Liebst du mich schon?

Heutzutage werfe ich keine Münzen mehr, zumindest meistens nicht.
Manchmal schon, aber es ist Gewohnheit, mehr nicht.
An richtig guten Tagen kann ich alles tragen.
An guten Tagen kann ich mich zu fast allem treiben,
an schlechten Tagen muss ich Gedichte über Schweine schreiben.