1. Platz in der Jahrgangsstufe EF
Marlene Nura Halis
St. Ursula Gymnasium Aachen

Vater(s)land
Heimat dreier Religionen,
Heimat für jene, die waren, und jene, die kamen.
Stätten, so alt wie der Glaube selbst, und jeder verlangt seinen Anteil am Heiligen.
Gehört das Land nicht allen?
Doch wie kann etwas allen gehören, wenn jeder spricht: Es ist das meine?
Da kam ein Vierter, getrieben von Gier und nannte das Heilige sein.
Der Traum von ewiger Freiheit zerbrach.
Doch Träume sterben nicht im ersten Wind.
Mit doppelter Zunge versprach der Vierte allen, was sie verlangten:
Ein Land, das ihnen als ihr Recht verheißen war.
Aber ein Versprechen der doppelten Zunge zerbricht an seiner eigenen Unwahrheit.
Die Getäuschten wurden laut, Feigheit überkam den Vierten.
Das Land, das er genommen, reichte er weiter:
an den Rat der Nationen, sollten doch sie die Zukunft entscheiden.
Der Rat sprach sein Urteil: Das heilige Land solle geteilt werden.
Die Spaltung brachte die Katastrophe. Nakba nannten sie es.
700.000 verloren, was sie Heimat nannten.
Jene, die einst in Lagern unsäglich litten, errichteten nun Lager für andere.
Der Schmerz, der nie heilen durfte, wurde weitergereicht.
Von Sabra und Schatila zu Gaza und Rafah.
Und wir?
Sind blind für das Leid, taub für das Weinen und stumm vor der Wahrheit.
Ein Schweigen, das nicht Unwissen ist, sondern Wahl.
Stehen eng an der Seite derer, die Menschen entmenschlichen.
2 Millionen Seelen, gefangen zwischen Staub und Sirenen.
Gaza, ein Streifen mit Mauern aus Verzweiflung. Das größte Freiluftgefängnis der Welt.
Ein Ort, geboren aus Versprechen und Verrat.
Ist das ein Geburtsort der Hoffnung? Der Träume?
Nein, nur die Wiege des Terrors, geboren im Zorn, gesäugt vom Hunger.
Wer den Wind sät…
Und im Sturm verschwinden selbst die Träume wie der Staub in der Dämmerung.
Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich will schreien, doch meine Stimme bleibt stumm.
Ich finde keinen Ort für meine Trauer. Keinen Raum, der sie halten könnte.
Darf ich überhaupt trauern?
Ich bin nicht so nah dran wie mein Vater und selbst er: er schweigt.
Als ich im Oktober nach Hause kam, war alles anders. Er war anders.
Nicht laut, nicht wütend, nur abwesend. Als wäre er fortgegangen.
Er ist noch immer nicht zurückgekehrt.
Ich will meinen Vater wieder.
Tote. So viele Tote. Wofür?
Für ein Spiel der Mächtigen, ein sinnloses Ringen um Linien im Staub.
Ich erinnere mich an die ersten Listen. Endlos die Namen der Toten, der wenigen Identifizierten.
Wollte ich sie wirklich lesen?
Was, wenn ich mir bekannte Namen darin fände? Die meiner Tanten, Onkel, meiner Cousinen, meiner
Cousins?
Würde ich es meinem Vater sagen? Oder tief in mir vergraben?
So viele Fragen. So viele Ungewissheiten.
Doch die größte, die mich quält: Bin ich ein Antisemit?
Manche nennen die, die an die Menschlichkeit in Gaza glauben, Antisemiten.
Ich will niemanden hassen. Ich hasse nicht das Jüdische.
Ich hasse das, was unter dem Deckmantel des Zionismus geschieht.
Aber ist das dasselbe?
